Glasfaser im Gips: Warum wir das Material kritisch sehen – gerade bei Kindern

OA Dr. Georg C. Bézard

OA Dr. Georg C. Bézard

Facharzt für Orthopädie & Traumatologie · 26. Juni 2026

Junge mit Schwimmbrille und glasfaserfreiem Schwimmgips am Arm

Wer heute im Spital einen „modernen“ bunten Gips bekommt, trägt in den meisten Fällen Glasfasergewebe am Arm – ein mit Polyurethanharz getränktes Gewebe aus feinen Glasfasern. Das Material ist leicht, stabil und billig in der Herstellung. Klingt gut? Aus unserer Sicht hat es trotzdem nichts auf der Haut verloren – vor allem nicht auf Kinderhaut. Hier sind die Gründe, ganz sachlich.

Problem 1: Scharfe Kanten

Glasfasergewebe härtet zu einem sehr harten, spröden Verband aus. An den Rändern – dort, wo der Gips an Daumen, Ellenbeuge oder Schienbein endet – können sich mit der Zeit harte, scharfe Kanten bilden. Gebrochene einzelne Glasfasern stehen mikroskopisch fein ab. Die Folge: Druckstellen, aufgescheuerte Haut, kleine Kratzer – und Kinder, die ständig am Gipsrand zupfen. Nicht selten müssen solche Gipse vorzeitig nachgebessert oder gewechselt werden.

Zum Vergleich: Das glasfaserfreie Polyester-Material des Schwimmgipses formt sich wie eine zweite Haut an und bildet keine scharfen Kanten – einer der Hauptgründe, warum wir ausschließlich damit arbeiten.

Problem 2: Juckreiz und Hautreizung

Glasfasern kennst du vielleicht von der Dämmwolle auf Baustellen – und jeder, der damit gearbeitet hat, kennt das Jucken danach. Im Gips gilt dasselbe Prinzip in abgeschwächter Form: Feinste Faserfragmente können die Haut mechanisch reizen. In Kombination mit Wärme und Schwitzen unter dem Verband entsteht der berüchtigte Gips-Juckreiz, der Patienten zu gefährlichen Kratz-Werkzeugen greifen lässt (die Stricknadel im Gips ist ein Klassiker – und eine häufige Ursache für Hautverletzungen und Infektionen). Mehr dazu in unserem Ratgeber „Gips juckt – was hilft wirklich?“.

Problem 3: Glasfaserstaub beim Abnehmen

Ein Punkt, über den selten gesprochen wird: Beim Aufsägen eines Glasfaser-Gipses mit der oszillierenden Säge entsteht feiner Staub, der Glasfaserpartikel enthält. Der landet auf der Haut des Patienten – und in der Luft des Behandlungsraums. Für einen einzelnen Patienten ist das überschaubar; angenehm oder wünschenswert ist es trotzdem nicht, und für das Personal, das täglich sägt, erst recht nicht.

Warum wird Glasfaser dann überhaupt verwendet?

Aus denselben Gründen, aus denen es überall eingesetzt wird: Es ist billig, stabil und einfach zu verarbeiten. Für die Einkaufsabteilung eines Spitals sind das schlagende Argumente. Für den Tragekomfort des Patienten sind es keine. Hier muss man fair bleiben: Millionen Glasfaser-Gipse erfüllen ihren medizinischen Zweck – der Bruch heilt darunter genauso. Die Frage ist nur, wie angenehm die vier bis sechs Wochen darunter sind, und ob es Alternativen gibt.

Die Alternative: glasfaserfreies Polyester

Es gibt sie. Moderne glasfaserfreie Materialien – wie das Polyester-Gewebe, das wir für den Schwimmgips verwenden – bieten dieselbe Stabilität für stabile Brüche, aber:

  • keine scharfen Kanten, weil das Gewebe elastischer aushärtet
  • keine Glasfaser-Hautreizung und deutlich weniger Juckreiz
  • kein Glasfaserstaub bei der Abnahme
  • latexfrei – auch für Allergiker geeignet
  • und in Kombination mit der richtigen Polsterung: 100 % wasserfest

Der Preisunterschied ist real – glasfaserfreies Material kostet mehr. Unsere Haltung dazu ist einfach: Bei etwas, das Wochen direkt auf der Haut eines Kindes sitzt, ist das Material die falsche Stelle zum Sparen. Welche Gips-Arten es insgesamt gibt, zeigt unser großer Gips-Vergleich.

Woran erkenne ich, was ich (oder mein Kind) trage?

Frag einfach nach – die behandelnde Einrichtung muss dir sagen können, welches Material verwendet wurde. Typische Hinweise auf Glasfaser: sehr harte, „hohl“ klingende Oberfläche und ein grobes, gitterartiges Gewebemuster. Und wenn du wechseln möchtest: Fast jeder bestehende Gips kann nach Abklärung auf einen glasfaserfreien Schwimmgips umgestellt werden.


Dieser Ratgeber ersetzt keine ärztliche Beratung. Die Wahl des Gipsmaterials muss immer im Einzelfall unter Berücksichtigung der Verletzung getroffen werden.

OA Dr. Georg C. Bézard

Medizinisch geprüft von

OA Dr. Georg C. Bézard

Facharzt für Orthopädie & Traumatologie in Wien. Ausgebildet an der traditionsreichen Gipsschule des Unfallkrankenhauses Lorenz Böhler, gipst seit 2008 – und bietet seit 2016 den wasserfesten Schwimmgips an, den er bei jedem Patienten persönlich anlegt.

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